Einige Gedanken zum Singen

Sabine Eichner - Gesang

Im Prinzip ist der Klang genau dann gut, wenn der Sänger nicht den Eindruck hat, er selbst produziere den Klang, sondern wenn er den Klang zurückkommen spürt.

Man muss sich ständig aufmerksam belauschen - ein einziger Fehlschliff und der Edelstein ist hin.

Das Denken im heute üblichen Sinn ist ein Fluch unserer Zeit insofern, als es sich um eine vom Willen gesteuerte kausale Verknüfung einzelner Theorien oder Erfahrungen handelt.

Echtes Denken ist reine Intuition, ein Anfassen einer Sache von der momentan passenden Seite aus - mit allen Sinnen zugleich, mit Hingabe und liebender Geduld. Die Analyse der Stimme ist im Prinzip etwas Totes, weil das Gleichgewicht in jedem Moment neu gefunden werden muss und damit eben etwas Bewegliches ist.

Trotzdem fühlte ich mich wie jemand, der immer nur darauf konzentriert war, darauf zuzuwarten, bis aus einer Apfelblüte Äpfel wurden - und der das Reifen der Früchte nicht fassen kann, weil er einen Abschluss der Entwicklung fürchtet. Mir fällt wieder ein, dass es mich von jeher deprimiert hat, wenn etwas fertig war.

Aber die Stimme ist ja genau wie der Atem, ständig im Fluss, lebendig, täglich neu! Wie schön das ist!

Singen heißt für mich zunächst, ruhig in mir selbst werden, mehr die Aufnahme als die Abgabe betonen. Die rechte Verteilung der Energien zu erforschen, scheint mir eine ungemein faszinierende Aufgabe.

Nicht das Rauschen auf der Oberfläche rührt mich, sondern im unspektakulären Eintauchen in die Sache finde ich meine ganz eigenen Schätze.

Wohih soll der Klang? Besser ist zu fragen: Woher strahlt der Klang?

Sabine Eichner, Herbst 1999